Hier finden Sie den Verein MaVia in der Presse
Artikel im Oberbayerischen Volksblatt vom 24.5./25.5.25

Interview mit unserer Vorstandsfrau Christiane Cremer im Miesbacher Merkur zu unserer Außenstelle in Miesbach.
Hier geht’s zum Artikel: https://www.merkur.de/lokales/region-miesbach/miesbach-ort29062/beratungszahlen-seit-2022-verdoppelt-mavia-vorsitzende-erklaert-die-hintergruende-93657850.html
Im Zuge einer Aktion von Rosenheim24 ist im Dezember 2023 ein interessantes Interview mit unserer Kollegin Tanja Bourges (Beratungsleitung bei MaVia e. V.) entstanden. Das folgende Interview wurde auch auf Rosenheim24 veröffentlicht:
Frau Bourges, was sind die Aufgaben von MaVia e.V.? Wie finanziert sich Ihr Verein?
Kurz gesagt haben wir zwei Aufgabenschwerpunkte:
Wir beraten Frauen, die von Gewaltformen jeglicher Art betroffen sind. Dazu gehört sexualisierte Gewalt, körperliche Gewalt, psychische sowie ökonomische und auch soziale Gewalt. Es kann sein, dass die Gewalt in der Vergangenheit stattgefunden hat oder auch akut erlebt wird. Außerdem versuchen wir so viel und so oft es geht, die Öffentlichkeit mit Aktionen, Vorträgen an Schulen, Hochschulen, vor Fachpersonal für das Thema zu sensibilisieren und zu sagen: Schaut hin, erkennt die Anzeichen von Gewalt und bietet Unterstützung an.
Der andere Hauptaufgabenschwerpunkt ist die Beratung und Prävention bei sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend. Hier bieten wir Beratung und Begleitung für betroffene Kinder, Jugendliche, Bezugspersonen und Fachpersonal an. Das Angebot der Prävention beinhaltet Workshops in Schulen (4. und 8. Klasse) sowie Lehrerfortbildungen und Vorträge für Fachpersonal in z.B. Kitas.
Ein weiterer Teil unserer Arbeit ist es, regional und überregional an Vernetzung mitzuwirken und in verschiedenen Arbeitskreisen aktiv zu sein, um Strukturen auszubauen und die bestmögliche Hilfe geben zu können. Dazu gehört auch die Arbeit in politischen Gremien der bayerischen Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen sowie im Bundesverband.
Wir sind ein eingetragener Verein und haben drei ehrenamtliche geschäftsführende Vorstandsfrauen und auch ehrenamtliche MitarbeiterInnen neben den hauptamtlichen Kolleginnen.
Wir finanzieren uns über Zuschüsse aus Landes- und kommunalen Mitteln (67%), über 30% unserer Kosten müssen wir anderweitig decken. Dazu zählen Mitgliedsbeiträge, Spenden, Stiftungsgelder, Bußgelder von Gerichten, die uns zugewiesen werden. Das bedeutet für uns immer, einen wachsamen und leider manchmal auch sehr besorgten Blick auf unsere Finanzen zu haben.
Wer kann sich an Sie wenden?
Von Gewalt betroffene Frauen, Kinder und Jugendliche, die Gewalt gegen die Mutter erleben sowie Bezugspersonen, Freunde und alle, die sich Sorgen und Gedanken um eine betroffene Frau machen.
Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben sowie auch hier Bezugspersonen, Freunde, Familie, Fachpersonal und alle, die in irgendeiner Form Fragen dazu haben, etwas auffälliges beobachtet haben, nicht wissen, wie Sie das einschätzen sollen und können, was Sie in einem speziellen Fall tun können…
Mit welchen Problemen sind Sie am häufigsten konfrontiert? Wie helfen Sie den Frauen konkret?
Das ist nicht so einfach und pauschal zu beantworten, da jede Anfrage und jeder Mensch eine individuelle Geschichte und Situation mit sich bringt.
Häufig erleben wir am Anfang die Frage: Bin ich überhaupt richtig bei Euch? Ist das, was ich erlebe, Gewalt? Was kann ich tun, um mich aus dieser Situation zu befreien? In vielen Fällen geht es erstmal darum, die Ausgangssituation zu sortieren, sich anvertrauen zu können, Erlebnisse, Gefühle und Erfahrungen schildern zu können ohne Bedenken haben zu müssen, auf Vorbehalte und Ablehnung zu stoßen -einen Schutzraum für Frauen anzubieten, wo all das möglich ist.
In anderen Fällen geht es mehr um die Bewältigung von Gewalterfahrungen und Übergriffen, um eine Fokussierung, den Alltag gut zu meistern, zum Beispiel zu klären, was brauche ich ggf. an Stabilisierungsmöglichkeiten, damit Veränderung möglich ist.
In wieder anderen Fällen geht es um eine Akut-Hilfe im Hier und Jetzt, vor allem bei massiver körperlicher und psychischer Gewalt, da stehen Hilfe bei Rechtsfragen, Information und Unterstützung bei Gewaltschutzanträgen, ggf. Frauenhausplatzsuche, Möglichkeiten der maximalen Sicherheit für die Kinder und die betroffene Frau zu schaffen im Vordergrund.
Weitere Themen sind u.a. Fragestellungen, ob eine Anzeige bei der Polizei in Frage kommt, Frauen, die in Ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben und mit den psychosomatischen Folgen zu kämpfen haben… Die Palette an Fragestellungen und Anliegen ist hier sehr umfangreich.
Dementsprechend ist unsere „konkrete“ Hilfe auch sehr individuell und natürlich von dem Anliegen der Klientinnen oder auch Fachperson definiert. Das kann neben der grundsätzlichen Informationsvermittlung zu vielen Themen des täglichen Lebens zum einen sein, betroffene Frauen zu AnwältInnen, Gerichtsterminen, anderweitigen Behördengängen zu begleiten, es kann eine Unterstützung bei der Suche nach therapeutischen Hilfsmöglichkeiten sein oder auch andere Fachstellen mit einzubeziehen z.B. Jugendamt, Erziehungsberatungsstelle, Schuldnerberatung usw. und den Kontakt für weitere Hilfsmöglichkeiten herzustellen. Immer natürlich im Konsens mit der Klientin und Ihren Entscheidungen, was gute und hilfreiche nächste Schritte sein können.
Wie häufig sind sexuelle Übergriffe in Deutschland/häusliche Gewalt – gibt es da Zahlen? Ist dies während Corona schlimmer geworden?
Statistiken und Dunkelfeldberechnungen besagen, dass jede dritte bis vierte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erlebt. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch die Hand Ihres Partners oder Ex-Partners.
Ca. 43% aller Frauen gibt an, in Beziehungen körperliche und psychische Gewalt erlebt zu haben.
Die vom BKA erfassten Zahlen sowohl hinsichtlich Partnerschaftsgewalt als auch hinsichtlich Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung benennen nur die bekannten, d.h. angezeigten und strafrechtlich verfolgbaren Straftaten. Die Dunkelziffer in diesen Bereichen, wie auch bei sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist um ein Vielfaches höher. Hier geht man davon aus, dass pro Schulklasse 1-2 Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen sind (vgl. BKA 2022: jeden Tag 48 Kinder)
Hinsichtlich Corona kann man sicherlich sagen, dass es mehr akute Situationsgewalt in den Familien und Beziehungen gegeben hat- durch die räumliche Enge, durch Ausgangsbeschränkungen, durch die allgemeine angespannte Situation. Die Zahlen sprechen auf jeden Fall dafür.
Die Form der Gewalt, die wir aber tagtäglich in der Beratung erleben ist häufig eine andere: Das ist eine systematische Dominanzgewalt des Partners/Ex-Partners, die mit oft neben körperlicher Gewalt massiv damit einhergehenden Manipulationen, Drohungen, Erpressungen, Klein-Machen, Demütigungen usw. darauf abzielt, eine klare Hierarchie in der Beziehung herzustellen. Da gibt es keine Beziehung und Kommunikation, die auf Augenhöhe stattfindet. Stattdessen viele Gefühle der Angst, Verzweiflung, des Zweifels, der Scham, der Ausweglosigkeit auf Seiten der Frauen und oft auch mit betroffenen Kindern.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach in Deutschland ändern, evtl auch gesetzlich, damit Frauen und Mädchen besser geschützt sind?
Durch die Ratifizierung der Istanbulkonvention (Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt) hat sich Deutschland bereits 2017 verpflichtet, mehr gegen Gewalt an Frauen zu tun. Dazu wurden rechtliche Grundlagen zum Opferschutz, Prävention, Strafverfolgung sowie der rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter geschaffen. Die Basis zum umfassenden Opferschutz und opferzentrierten Sorgfaltsmaßstab ist hierbei gegeben, die Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen hinkt jedoch noch sehr hinterher. Aus unserer Sicht gibt es vor allem beim Ausbau des Hilfesystems und auch bei so manchen Gerichtsverfahren hinsichtlich Sorge- und Umgangsrecht gravierende Mängel, wenn es um den Schutz der betroffenen Frauen und ihrer Kinder geht.
Das ist die eine Seite, zu fordern, dass viel mehr finanzielle Mittel bereitgestellt werden, Frauenhausplätze geschaffen werden, Personal in Beratungsstellen aufgestockt, Fortbildungen im Umgang mit häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt für SchulsozialarbeiterInnen, KollegInnen von Jugendamt, Gerichten und anderen Stellen usw. finanziert und geboten werden. Das ist die Seite, die sich mit Hilfe und Unterstützung beschäftigt, wenn Gewalt passiert und an der Tagesordnung ist.
Die andere -und unseres Erachtens gleich wichtige Sache- ist doch aber die gesellschaftspolitische Frage:
Wie kann es sein, dass es auch heute noch bei manchen Menschen bisweilen als Kavaliersdelikt gilt, wenn Frauen sexueller Belästigung ausgesetzt sind? Warum müssen wir zum Beispiel beim Oktoberfest oder auch Herbstfest in Rosenheim Flyer mit unserer Telefonnummer rausgeben oder „Tipps für eine sichere Gaudi“ für Mädchen und Frauen? Die Kolleginnen in München während der Wiesn vor Ort sein, um möglichst schnell Hilfe zu bieten bei sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen? Welche Haltungen und Gedanken in den Köpfen stehen dahinter, es als „normal“ anzusehen, dass Frauen sich auch heute noch schützen müssen vor Übergriffen und Gewalterlebnissen?
Gewalt an Frauen ist ein gesellschaftliches Problem, kein Problem einzelner Frauen oder Familien. Unabhängig von Alter, Aussehen, Nationalität und sozialer Schicht.
Da müssen wir doch letztendlich ansetzen, eine gesellschaftspolitische Diskussion starten, um Haltungen zu verändern.
Wie läuft eine Beratung dann bei Ihnen ab? Telefonisch, vor Ort, auch anonym? Kostet das etwas?
Unsere Beratungen sind vollkommen kostenfrei und freiwillig, das ist uns sehr wichtig, dass alle die gleichen Beratungsmöglichkeiten haben unabhängig von Einkommen und Lebenssituation. Wir können per Telefon und per Mail kontaktiert werden, Beratungen finden sowohl telefonisch als auch persönlich statt oder wie es eben gerade für die Betroffene passt. Auch außerhalb unserer Öffnungszeiten können wir Termine vereinbaren, da gerade berufstätige Frauen oder auch Frauen mit kleinen Kindern natürlich zu den regulären Öffnungszeiten ganz schwierig Zeit finden oder auch die Situation vorliegt, dass es wenig Möglichkeiten gerade gibt, sich ohne Kenntnis des Partners mit uns in Verbindung zu setzen.
Auch eine anonyme Beratung ist natürlich jederzeit möglich.
Bei Bedarf können wir einen telefonischen Dolmetscher Dienst hinzuschalten, die Dolmetscherinnen beraten auch für das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen und sind in vielen Sprachen verfügbar. Für Begleitungen können wir beim örtlichen Dolmetschernetzwerk eine entsprechende Dolmetscherin anfragen.
Oft ist man unsicher als Frau und fragt sich, wie weit darf z.B. der Kollege/Chef/Bekannte gehen mit Anzüglichkeiten, Sprüchen, Berührungen? Gibt es da eine Faustregel? Und wie wehrt man sich dagegen?
Eigentlich ist es doch ganz einfach: Alles Verhalten, dass eine einseitige Annäherung darstellt, erniedrigend oder beleidigend wahrgenommen wird, persönliche Grenzen verletzt und von der betreffenden Person nicht erwünscht ist, stellt eine sexuelle Belästigung dar. Dabei ist es nicht erheblich, ob die ausübende Person das so sieht, entscheidend ist, wie die betroffene Person das wahrnimmt. Im Unterschied zu einem Flirt, bei dem beide Parteien sich bewusst annähern, es von beiden Seiten gewünscht und gewollt ist und ein gutes Gefühl hinterlässt.
Häufig erleben wir anzügliche und zweideutige Bemerkungen über das Äußere oder äußere Merkmale, sexistische Witze oder Sprüche, Vorzeigen oder Schicken/Aufhängen von pornografischen Material, wiederholte Einladungen mit eindeutigen Absichten bis hin zu tatsächlich körperlichen sexuellen Übergriffen. Wichtig zu wissen ist, dass sexuelle Belästigung in aller Regel erstmal aus einem Motiv der Macht und Dominanz heraus verübt wird. Nehmen wir mal ein Beispiel von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz: wir erleben in unseren Beratungen Frauen, die die Hoffnung hatten, dass es von alleine wieder aufhört, wenn Sie es nur lange genug ignorieren (gerade in Fällen von Belästigung durch Vorgesetzte natürlich auch aus Angst, den Job zu verlieren, wenn Sie sich zur Wehr setzen). Oder auch einfach erstmal so tun, als ob Sie das alles nicht so schlimm finden, ihre eigenen Gefühle wegwischen, obwohl das flaue Gefühl im Magen immer mehr zunimmt und auch die Selbstabwertung, die hier stattfindet. Das ist in der Regel keine langfristige Lösung, da es selten von alleine wieder aufhört, im Gegenteil oft noch zunimmt in der Dimension, die Arbeitsatmosphäre vergiftet und die betroffenen Frauen ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch mit Magenschmerzen und Angst zur Arbeit gehen können.
An betroffene Frauen: Nehmen Sie Ihre Gefühle ernst. In der Regel hat jede Frau ein gutes Bauchgefühl, was in Ordnung ist und was eben nicht. Was Grenzen überschreitet. Sie und Ihre Wahrnehmung sind der Gradmesser dafür und nicht die Wahrnehmung der anderen. Und stehen Sie dazu, positionieren Sie sich und treten Sie für sich ein, dass Sie das nicht möchten! Es geht nicht darum, das groß zu diskutieren oder gar sich zu rechtfertigen, es geht darum, sehr klar zu kommunizieren, dass Sie dieses Verhalten nicht in Ordnung finden und auch nicht akzeptieren werden. Suchen Sie sich Unterstützung und Hilfe. Sie sind nicht alleine und müssen das auch nicht alleine durchstehen.
Werden die Opfer von sexualisierter Gewalt/sexuellem Missbrauch mehr und auch jünger? (Stichwort Cyber Grooming) Wie schützt man seine Kinder davor?
Die Frage lässt sich pauschal sehr schwer beantworten. Schaut man auf die offizielle Statistik, sind die Zahlen 2022 ähnlich wie im Jahr zuvor. Einen deutlichen Anstieg gibt es jedoch bei Missbrauchsdarstellungen von Kindern im Netz. Hier ist immer zu sagen: das sind die bekannten Fälle. Die entdeckten Fälle und angezeigten Straftaten. Wie schon oben gesagt ist die Dunkelziffer sicher weitaus höher.
Schaut man auf die offiziellen Zahlen der Polizei Stadt und Landkreis Rosenheim betreffend gibt es einen Anstieg zwischen 2021 und 2022 hinsichtlich der gemeldeten Fälle.
Kinder vor Übergriffen im Netz zu schützen stellt eine große Herausforderung für Eltern und Bezugspersonen dar, für Kinder ist es oft schier unmöglich, die tatsächlichen Gefahren einschätzen zu können, wie Ihr Vertrauen ausgenutzt werden kann. An dieser Stelle sind wir Erwachsenen gefragt, mit unseren Kindern in Kontakt zu sein, Internetnutzungsregeln zu vereinbaren und vor allem aufzuklären. Das wichtigste ist wohl hier wie in allen anderen Belangen, Ansprechpartner zu sein für seine Kinder, da zu sein, Interesse zu haben, wo die Kinder sich so analog und digital bewegen. Und vor allem klar zu machen, Im Falle eines erfolgten Übergriffs im Netz trifft das Kind keine Schuld.
Unsere Kolleginnen aus der Präventionsfachstelle haben 2022 gemeinsam mit dem Jugendzentrum logo, Christkönig einen kleinen Film mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam gedreht. In „add a friend“ geht es genau um diese „Anbahnungssituationen“ im Internet. Der Film wird auch im Rahmen unserer Präventionsworkshops in der 4.Klasse verwendet, um die Kinder zu sensibilisieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Den Kolleginnen zufolge sind immer mehr Kinder auch im Grundschulalter regelmäßig im Netz unterwegs, in verschiedenen Chats und Online-Spielen in Kontakt. Verhindern werden wir diese digitalen Übergriffe technisch und tatsächlich wohl niemals können, aber wir können unsere Kinder stark machen im Erkennen von diesen und im Umgang damit.
Bekommen Sie auch Feedback von Frauen, denen Sie weitergeholfen haben? Können Sie sich noch erinnern an eine Geschichte, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Unsere Beratungen haben kein zeitliches Limit, wir können mit der betreffenden Frau vereinbaren, in welchem Abstand Beratungstermine stattfinden. Es gibt einmalige Beratungen als auch Frauen, die über lange Zeit bei uns in regelmäßigen, meist im Verlauf dann längeren Abständen Beratungstermine haben. Das Schöne daran ist, dass wir Beraterinnen dann in solchen Fällen dann auch die Entwicklung und den Prozess mit begleiten dürfen und somit auch ein sehr deutliches Feedback bekommen.
Was wir oft hören ist z.B. alleine hätte ich das niemals geschafft, niemals den Mut gehabt, mich z.B. zu trennen, viel zu viel Angst immer gehabt, dass mir niemand glaubt.
Oder auch die Rückmeldung, sich anvertrauen zu dürfen, Erfahrungen und schlimme Erlebnisse oftmals das erste Mal einem Menschen gegenüber aussprechen zu dürfen, Gefühle wie Angst, Scham und oft große Verzweiflung benennen zu können… Und auf offene Ohren ohne Vorbehalte und ohne Wertung zu treffen.
Es gibt so viele Geschichten, Frauen und ihre Situationen, die uns im Gedächtnis bleiben und uns auch bei aller Professionalität berühren und zum Nachdenken bringen. Es ist immer schwierig für uns, „Fallgeschichten“ zu erzählen, da wir den Daten- und Personenschutz sehr ernst nehmen und immer Bedenken haben, bei zu viel an Informationen ggf. Rückschlussmöglichkeiten auf betroffene Frauen zu ermöglichen. Von daher halten wir uns da zum Schutz der Frau und oft auch deren Kinder sehr bedeckt.
Grundsätzlich können wir sagen, dass es immer ein besonderes Geschenk ist zu sehen, wenn etwas Ruhe und Klarheit in das Leben einer Frau wieder vermehrt Einzug halten. Wenn nach einer akuten Phase massiver Gewalt z.B. der Gewaltschutzantrag bewilligt wird, der Umgang und die Sorgerechtsregelung mit den Vater der Kinder in eine gute Struktur gebracht werden kann (das ist leider nicht immer der Fall!), wenn die Kinder wieder lernen, sich etwas zu entspannen und wieder mehr Kind sein zu dürfen. Die Situation der Kinder, die immer mitbetroffen von häuslicher Gewalt gegen die Mutter sind, ist uns ein besonderes Anliegen. Gerade kleine Kinder verstehen nicht, was da passiert, oft ist es so, dass Sie die „Schuld“ bei sich suchen, meinen, Sie hätten etwas falsch gemacht, sich nicht richtig verhalten und stehen immer im Loyalitätskonflikt zwischen beiden Elternteilen. Gerade bei älteren Kindern ist zu beobachten, dass Sie häufig die Mutter zu schützen versuchen und somit selber in die Schusslinie geraten. Oder im Gegensatz dazu sich sehr mit dem gewaltausübenden Vater identifizieren und sein Verhalten nachahmen. Hier ist es wichtig, Kinder aus dieser gefühlten Verantwortung zu bringen, immer wieder klar zu machen, dass Sie keine Schuld an der Situation trifft. Wenn es im Verlauf einer längeren Beratung wie gesagt dann passiert, dass etwas Ruhe in die Familie einkehrt, ein ganz normaler Alltag wieder stattfinden kann, die existentiellen Sorgen geklärt sind und so gut es geht geregelt, die Kinder wieder eine Normalität erleben dürfen, manchmal auch mit therapeutischer Hilfe wieder in eine innere Stabilität kommen, Frauen zu Ihren Stärken und Ressourcen zurückfinden (und davon gibt es eine Menge!) und wir dann auch mal herzlich in einer Beratung über irgendwas Lustiges gemeinsam lachen können- das sind Highlights, die uns antreiben.
Eine Kollegin bietet im Frauen- und Mädchennotruf kunsttherapeutische Einzelstunden an, ein Gruppenworkshop ist in Planung. Das ist etwas sehr Besonderes für teilnehmende Frauen, das Ziel ist, wieder zu den eigenen Stärken und Ressourcen zurückzufinden, sich Wege zu entwickeln, mit den Folgen der erlebten Gewalt umgehen zu lernen. Gerade hier zeigt es sich, dass „nonverbale“ Methoden oft unglaublich hilfreich sind, um wieder zu mehr Stabilität zurückzufinden.
Auch versuchen wir im Moment, traumasensible Yogakurse zu etablieren, eine Proberunde läuft gerade an und wir sind sehr gespannt, wie die Rückmeldungen der ersten Teilnehmerinnen sind. Eine Vision, die wir haben, ist ein weiteres Angebot einer traumasensiblen Stabilisierungsgruppe, in denen Methoden und Übungen angeboten werden, die Alltagsbewältigung steht hier im Mittelpunkt. Das sind alles Zusatzangebote zu unserem Beratungsangebot, die wir als Verein selber finanzieren und stemmen müssen und sind für finanzielle Unterstützung hierbei immer sehr dankbar.
Was uns generell einfach wichtig ist zu sagen:
Im Zweifel ob Sie richtig sind- sprechen Sie mit uns. Wir schauen gemeinsam auf Ihre Situation, überlegen uns mögliche Wege und Lösungen und sollten Sie mit Ihrem Anliegen doch nicht richtig bei uns sein, dann werden wir uns immer bemühen, dass Sie an die richtige Stelle weitervermittelt werden.
Es gibt immer Wege und Mittel der Veränderung, auch wenn es im Moment vielleicht nicht den Eindruck macht. Keine Frau sollte Gewalt in Ihrem Leben als gegeben hinnehmen.
Wir werden Ihnen nicht sagen oder vorschreiben, was Sie zu tun und zu lassen haben. Wir werden uns mit Ihnen auf den Weg begeben, Ihre Situation zu sortieren, sich vielleicht über einiges klar(er) zu werden und überlegen, was Sie tun können. Sie alleine entscheiden, was Sie tun und welchen Weg Sie gehen.
Natürlich sind auch Männer von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Prozentual weniger, aber das macht für einen betroffenen Mann überhaupt gar keinen Unterschied. In allen größeren Städten gibt es spezielle Beratungsstellen für Männer, die ebenso wie wir mit verschiedensten Möglichkeiten wie Telefon, Email, manchmal auch Chatberatung und natürlich auch im persönlichen Kontakt arbeiten. Holen Sie sich Hilfe und Unterstützung.